Die Geschichte einer Rückführung:
Was hat Schloß Ambras mit Pflichterfüllung, einer Gesichtslähmung, einem nicht ganz erwünschten Kind und Anno 1500 zu tun?

An einem sonnigen Sonntag Ende Mai traf ich mich mit einem Freund aus der Schweiz zum Kaffee in Schloß Ambras. Die Zuckersäcke waren bedruckt mit der Ankündigung der Ambraser Schlosskonzerte im Spanischen Saal. Er wollte diesen Raum sehen und so begann unser Rundgang bei den Ritterrüstungen: beidseitig, in Reih und Glied, glänzend poliert, die Steigen hinauf und nochmals viele Ritterrüstungen, Besichtigung des wunderschönen Saals, durch die Bildergalerie im Hochschloss und zurück in den Schlosspark.
Beim Abschied bat ich ihn, mir nie wieder zu schreiben, dass er „ersetzbar“ sei. Er ließ sich nicht umstimmen.
Eine Woche später entdeckten meine Kinder beim Abendessen meinen schiefen Mund. Ich konnte das linke Auge nicht mehr richtig schließen, beim Mundausspülen floss das Wasser wieder heraus. Auf der internen Notfallambulanz konnte die Ärzte nicht feststellen, woher diese linkseitige Gesichtslähmung kam, jedenfalls steckte kein Schlaganfall und kein Tumor dahinter. Warum hatte mein Körper so massiv reagiert? Wer könnte mir am Besten helfen? Dann rief ich Barbara an und bat sie um einen Termin. Ich kannte ihre Art zu arbeiten und ich wusste, dass ich ihr hundertprozentig vertrauen konnte. Von den beiden Möglichkeiten, Familienaufstellung oder Rückführung, wählte ich die zweite, weil ich mir davon mehr für meine Problemlösung erwartete.
1,2,3...Im Trance-Zustand erleide ich nun folgendes Schicksal: ich gelange an ein Tor, trinke den Inhalt eines Fläschchens in einem Zug aus und darf dann eintreten. Ganz langsam baut sich vor meinen Augen ein Bild auf: ich bin ein hübsches, junges Mädchen mit langen, blonden Haaren. Das himmelblaues Kleid betont meine schlanke Figur. Ich stehe auf einer großen Wiese. Immer mehr Männer in Rüstungen kommen den Hügel herauf und bilden einen Kreis um mich. Sie sind mir sehr wohl gesonnen, sie verehren mich, ich stehe auf einem Podest und lächle. Wir schreiben das Jahr 1500.
Die Szene löst sich langsam auf und eine neue zeichnet sich ab: ich sitze in einem Saal auf einem Thron, zu meiner Rechten sitzt mein Mann, groß mit dunklen Haaren und strengem Blick. Neben mir sitzt ein kleines Kind auf der Treppe, mein Kind. Die Männer in den Rüstungen sind auch hier versammelt. Im nächsten Bild liege ich in meinem Zimmer auf dem Bett. Das Kind spielt hier, das Kindermädchen ist auch da. Mein Mann betritt den Raum. Er setzt sich neben mich, schickt das Kind mit dem Kindermädchen hinaus. Zuerst spricht er höflich mit mir, ich bin nicht seiner Meinung, er wird böse, ich stimme nicht zu, er wird zornig, ich lenke nicht ein, er wir wütend und nimmt den Stab mit der Kugel oben und schlägt damit auf meinen Kopf. Er trifft meinen Schädel, vorne, oberhalb der Stirn. Ich falle zu Boden, mir wird schwindlig, ich spüre, wie mir das Blut über das Gesicht fließt, ich versuche aufzustehen, aber das geht nicht. Mein Mann verlässt das Zimmer, ohne ein Wort zu sagen. Angst, zu sterben, überkommt mich. Ich höre das Kind vor meiner Zimmertüre, es möchte zu mir, aber es darf nicht. Plötzlich kommt ein heller Strahl von oben und verbindet sich mit meiner Kopfwunde, er zieht mich hinauf. Nein, bitte nicht sterben, das Kind ist noch so klein.
Warum hilft mir niemand, ich fühle mich so alleine, so verlassen, so einsam, im Stich gelassen!! Mein letzter Blick fällt nochmals auf die Türe, mein Mann steht dort, er sieht tatenlos zu, wie ich sterbe, sein Gesichtsausdruck ist kalt, es lässt ihn kalt, was hier geschieht.

Barbara und ich besprachen anschließend, wie die Rückführung für mich war, wie es mir erging, sie beantwortete meine Fragen und gab mir einige ergänzende Informationen, z.B. über die „Ersetzbarkeit“, den Wert eines Menschen im Mittelalter.
Der Zusammenhang zu meinem heutigen Leben ist offensichtlich und auch der Grund dafür, warum mich die Aussage meines Freundes so sehr getroffen hatte: Ich kam als zweites Kind meiner Mutter auf die Welt, zuvor hatte sie in der Schwangerschaft „ihr“ Mädchen verloren. Für sie war ich lediglich ein Ersatz für meine Schwester. Solange ich lieb und nett war, wurde ich akzeptiert. In der Pubertät leistete ich dann Widerstand und ich musste in vielerlei Hinsicht bluten, zuletzt während einer großen Operation. In meiner Ehe wiederholte ich dasselbe Szenario wieder: mein Mann hatte eine Traumfrau, die liebte ihn nicht, also heiratete der mich, die „Ersatzfrau“. Als ich nicht immer nach seiner Pfeife tanzte, betrog er mich mit einer anderen Frau und ich wurde wieder „ersetzt“, alleine und im Stich gelassen.
Einige Tage nach der Rückführung schrieb ich Barbara eine e-mail: „ Danke für die letzte Rückführung. Sie erschien mir ´unscheinbar`, die Reaktion dementsprechend heftig“. Die Gesichtslähmung war fünf Tage später so plötzlich verschwunden, wie sie aufgetaucht war. Die Wunde am Kopf schmerzte noch einige Tage.
Ich war verwundert, dass mich der Totschlag nicht weiter betroffen machte, das Gefühl, allein gelassen, verlassen und links- liegen- gelassen- zu werden schmerzt immer noch sehr, ist es mir das doch seit 50 Jahren (und noch weitere 500 dazu) leidvoll bekannt. Jetzt plane ich Urlaube für heuer (und fahre auch), einen alleine, einen mit meinem Sohn, einen mit meiner Tochter, Betriebsausflug mit meinen Arbeitskolleginnen nach Oberitalien, Opernabend und Wochenende im Norden mit meinem Bruder, ein Wochenende bei meinem anderen Bruder im Süden und eines bei meiner Tante.
Barbaras Antwort kam prompt: „ Liebe ... ich freue mich sooo sehr für dich, dass sich diese ´unscheinbare` Rückführung zu so einer Bombe (positiv gesehen!) entwickelt hat.
Mach weiter so, du hast es dir redlich und endlich verdient!!!!!“

Vielen Dank!!